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Jeder Mensch hat eine Geschichte.

Meine Berufung ist es, sie zu erzählen.

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Alexandra Inniger

Freie Journalistin

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Lieblingsgeschichten:

Work

«Ich wünsche mir mehr Respekt. Viele Ausländer kommen nur hierher, um Fotos zu machen»

Nilton Quispe führt unzählige Touristen auf den Machu Picchu. Er liebt seinen Job. Aber er wünscht sich von den Touristen mehr Ehrfurcht für die Kultur, die sie betrachten.

Ich stehe spätestens um vier Uhr morgens auf, auch wenn ich frei habe. Ich brauche schon lange keinen Wecker mehr, meine innere Uhr ist gut eingestellt. Als Erstes mache ich mir einen Kaffee und versuche dann, möglichst leise meinen Rucksack zu packen, um meine Frau und meine Kinder nicht zu wecken. In der Hochsaison arbeite ich sechs Tage in der Woche, in der Nebensaison drei bis vier. Die Hochsaison ist mir lieber – wenn ich zu lange zu Hause bin, fühle ich mich nutzlos.

«Ich kann nicht sterben, bevor der Pullover fertig gestrickt ist»

Käthi Brand ist 95 Jahre alt und voller Lebensenergie. Ihr Geheimnis? Immer eine Aufgabe zu haben.

Käthi Brand sitzt auf dem Sofa und blättert ihren Terminkalender durch. Ihre Fingernägel sind in einem hellen Apricot lackiert, passend zu ihrem selbst gestrickten pastellfarbenen Pullover. «Ich kann glücklicherweise alle Farben tragen», meint die 95-Jährige und schmunzelt.

Täglich notiert sie sich die wichtigsten Ereignisse in ihrer Agenda. Beim Durchstöbern der Einträge der letzten Monate entsteht ein Bild eines typischen Tagesablaufs: «Duschen, dann bügeln. Puzzeln vor und nach Spitex.» Oder: «Es ist kühl geworden, muss den Kaschmirschal anziehen zum Stricken.» 

«Wir sehnen uns nach Imperfektion»

Vom Berner Mattenquartier bis nach Berlin verpasst ein Brienzer Musikstücken den letzten Schliff: Adi Flück schneidet Schallplatten für Züri West und Co. Dank des neuen Vinylbooms läuft in seinem Geschäft buchstäblich alles rund. Er zeigt uns, wie Musik unter dem Mikroskop aussieht – und warum sie uns mehr berührt, wenn sie handgemacht ist.

Die schwarze Scheibe beginnt sich langsam zu drehen, der Schneidekopf senkt sich, eine feine Spitze ritzt eine spiralförmige Rille in die glänzende Lackfolie. Aus Vibration entsteht Musik, die nur unter dem Mikroskop sichtbar ist, aber später auf tausenden von Schallplatten spielt.

Stundenlang tüftelt Adi Flück in seinem Studio im Berner Mattenquartier am perfekt bearbeiteten Vinyl. Woran er im Moment gerade arbeitet, darf er nicht verraten. Es sei aber auch ein Grossauftrag dabei, ähnlich der Alben von Züri West, Yello oder der holländischen Band DeWolff, für die er schon Platten hergestellt hat.

Der Druck der blauen Häkchen: Darum schreiben junge Menschen nie zurück

… obwohl sie immer am Handy sind. Ein Paradoxon, das auch viele Bernerinnen und Berner bei unserer Strassenumfrage beobachten. Ein Medienpsychologe erklärt, warum die blauen Häkchen auf WhatsApp Stress auslösen und was wir gegen digitale Erschöpfung unternehmen können. Eine persönliche Abhandlung.

Ding! Ding! Ding! Ding! Ding! Fünfmal hintereinander feuert mein Handy den verhassten Ton für Whatsapp-Benachrichtigungen ab. Und jedes Mal schlägt mein Herz ein bisschen schneller – aber nicht aus Freude, sondern aus purem Stress. Eigentlich habe ich mein iPhone nie laut eingestellt, ausser, wenn ich wie heute auf einen Anruf warte. Auch alle anderen Vorkehrungen, um weniger von meinem treusten Begleiter gestresst zu werden, habe ich getroffen: Die blauen Häkchen und «zuletzt online» sind bei mir auf Whatsapp schon lange deaktiviert. Der Druck, schnell zu antworten, bleibt trotzdem.

So zähmt sie die «launische Diva» von Volvo

Der Verein Young4Vintage will junge Menschen für altes Blech begeistern: Unsere Journalistin macht 

den Selbstversuch.

Weissbärtige Männer verfolgen mit glänzenden Augen die Kulturgüter vergangener Jahrzehnte, die über den Parkplatz des Heimberg Center rollen. Verhalten nähere ich mich am Sonntagmorgen der schweizerischen Volvo-Messe.

Um nicht aufzufallen, imitiere ich die versammelten Oldtimerfans: Ich drehe langsame Runden um die alten Gefährte und kneife meine Augen zusammen, während ich meine Nase an die Fensterscheiben drücke. So vermeide ich jegliche Interaktion, die mich augenblicklich als Auto-Banausin entlarven würde. Ich habe grössere Angst vor dem Fachjargon als vor der Fahrt, die mir bevorsteht.

Als Frau unter Bärtigen

Bärte, Bier und viel Brauchtum: Die Frackwoche der ZHAW-Absolventen gibt es bereits 100 Jahre. Zwei Absolventinnen erzählen, wie sie sich in dem männlichen Traditionsanlass bewegen.

Neben hochragenden Zylindern und stattlichen Festanzügen stechen in der Winterthurer Altstadt am 4. Juli vor allem zwei Dinge ins Auge: Bärte und Bier. Seit hundert Jahren lassen die Studenten der ZHAW School of Engineering als Abschlussritual hundert Tage lang die Gesichtshaare spriessen, um sich diese am Ende ihrer Ausbildung von Kommilitoninnen des Gesundheitsdepartements wieder abrasieren zu lassen.

 

«Mit dem Frackumzug endet die glorreiche Zeit der Bärtigen», schreiben die Organisatoren auf ihrer Website.

Die haarige Angelegenheit soll den Eintritt in die Erwachsenenwelt symbolisieren. 

«Ich habe so ein Bauchgefühl, dass es jetzt genug ist»

Jean-Pierre von Gunten war 27 Jahre lang Chefbadmeister des Strandbads Thun. Vor dem Saisonschluss am Sonntag blickt er zurück auf seine eindrücklichsten Momente.

«Sieht gut aus, Schämpu!», ruft eine Frau aus dem Becken, als Jean-Pierre von Gunten für die Fotos posiert. «Letzte Saison, deshalb», erklärt ihr der Chefbadmeister augenzwinkernd. «Geniess es – wir geniessen die letzten Tage mit dir auch noch», antwortet sie. 

 

Seit 27 Jahren sieht Jean-Pierre von Gunten im Strandbad Thun nach dem Rechten. In dieser Zeit ist «Schämpu» für die Stammgäste zu einem «Thuner Original» geworden, mit einer grossen Portion Herz und Humor.

«Ich fühle mich wie ein Alien»

Sein Heimatdorf im Berner Seeland hat rund 1000 Einwohner. Heute blickt Christoph von seiner Wohnung aus auf sechs Millionen Menschen. Und alle blicken wegen seiner Andersartigkeit auf ihn zurück. Obwohl er die Hälfte des Schweizer Existenzminimums verdient, lebt der 25-Jährige in Huizhou in Saus und Braus … und dennoch mit einigen Einschränkungen. Eine Geschichte über Kulturschocks, Heimweh und die Frage, was ein junger Mann am anderen Ende der Welt sucht.

«Ja, die Leute starren. Auf der Strasse drehen sich alle nach mir um. Einige machen sogar ungefragt Fotos und versuchen dabei nicht einmal, subtil zu sein. Am Anfang fand ich das noch cool, aber mittlerweile ist es mir unangenehm. Letztens wurde ich von einer Bekannten eingeladen – teilweise sicherlich aus Nettigkeit, aber hauptsächlich, weil ihre Mutter noch nie einen Ausländer gesehen hat. Manchmal fühle ich mich wie ein Alien.»

«Herr Ben ist da, wir müssen
leise sein»

Das Schulhaus Bach in Uetendorf hat einen neuen Hilfslehrer: Labrador Ben soll den Kindern beim Lernen helfen. Studien belegen, dass Hunde in Klassen motivierend wirken.

Er sitzt brav hinter dem Lehrerinnenpult, als die Erst- und Zweitklässler das Zimmer von Frau Knapp im Schulhaus Bach in Uetendorf betreten. Sie stellen sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf den grossen schwarzen Labrador zu erhaschen, bevor sie ihre Plätze einnehmen.

Sobald es zu laut wird, mahnen sich die Kinder gegenseitig: «Pssst! Herr Ben ist da, wir müssen leise sein.» Sie respektieren den Hund wie eine Lehrperson, daher wird er ebenfalls gesiezt.

«Als Erstes schnappe ich mir mein Handy, um Nachrichten von Fans zu beantworten»

Philipp Boppart (46) ist eigentlich Koch im Kantonsspital. Doch in seiner Mittagspause ist er gefeierter Heli-Spotter.

Ich stehe um halb fünf Uhr morgens auf, meistens gut gelaunt. Als Erstes schnappe ich mir mein Handy, um Nachrichten von Fans zu beantworten und Videos zu bearbeiten. Ich filme Helikopter der Rega und poste sie auf Instagram. Kommentare lese ich aus Prinzip nicht, um mir meine gute Laune nicht zu verderben. 

Schon als Kind habe ich gemerkt, dass ich anders bin. Es macht mir aber nichts aus, aufzufallen, und ich würde mich nie für jemanden verstellen. Wem das nicht passt, der soll halt nicht hinschauen. 

Vom Wachturm zum Safe Space

Die wenigsten haben es je von innen gesehen. Und wer es betrat, kam vermutlich nicht über die hauseigene Kellerbar hinaus, die jeden Donnerstag geöffnet ist. Was einst der Stadt als Schutz vor Eindringlingen diente, ist heute ein Treffpunkt für Winterthurs Student*innenszene. Wovon die Rede ist? Natürlich vom Türmlihaus. Höchste Zeit für einen Blick hinter die Kulissen.

Die Festung der ehemaligen Stadtmauer erinnert an längst vergangene Zeiten. Errichtet wurde das berühmt-berüchtigte Türmlihaus im 12. Jahrhundert als Wachturm, der die Winterthurer*innen vor unerwünschten Besuchen und feindlichen Angriffen schützte. Vor 300 Jahren war die Zeit reif für einen Wandel: Der erste Privatbesitzer baute die Liegen‐ schaft «zum Steinberg», wie das «Türmli» in den Ar‐ chivunterlagen genannt wird, in ein Wohnhaus um. Die Stadt bestand jedoch darauf, dass der Turm im Kriegsfall wieder seine ursprüngliche Funktion übernehmen müsse – dazu kam es (bisher) nie. Dank der darauffolgenden Besitzer kommt diesem Teil der Stadtmauer heute dennoch eine bewegte Geschichte zu ...

«In der Oberstufe rieten mir viele von diesem Beruf ab»

Die 19-jährige Barkeeperin Melina Reusser aus Thun darf erst seit einem Jahr alkoholische Getränke mischen – und hat bereits fünf Meistertitel abgeräumt.

Zwei Zentiliter Havana-Club-Rum und einen halben Zentiliter Cointreau für ein wärmendes Gefühl, zwei Zentiliter Cranberrysaft für die rote Farbe, einen halben Zentiliter Apfel- und dieselbe Menge Vanillesirup für die Süsse, zwei Zentiliter Limettensaft für einen Säurekick und als Garnitur eine Eiweiss-Schaumkrone: Mit diesen sieben Zutaten zaubert Melina Reusser im Handumdrehen ihren eigenen Festtagsdrink. Sie nennt ihn den «Reversed Santa Hat», weil er aussieht wie eine umgekehrte Weihnachtsmütze.

Eine moderne Form des Gebets?

Bittet, so wird euch gegeben. Dieses jahrtausendealte Prinzip aus der Bibel verbreitet sich neuerdings auch auf Social Media. Dort geht es aber nicht um den Glauben an Gott, sondern um Wünsche an das Universum. Mithilfe des Manifestierens will Eliane ihren Traummann gefunden haben. 

Unsere Gedanken schaffen unsere Realität. Wer das glaubt, wird selig – im wahrsten Sinne des Wortes. Ob ein volles Portemonnaie, ein neues Auto oder ein harmonisches Familienleben, alles soll man sich direkt beim Universum bestellen können. Man braucht nur darum zu bitten.

 

Das Gesetz der Anziehung besagt: Gleiches zieht Gleiches an. Wenn wir also positiv denken, wird uns Positives widerfahren. So lautet das Versprechen von spirituellen Gurus und selbst ernannten Hohepriesterinnen, die auf TikTok Anleitungen zum korrekten Manifestieren geben.

«Ich gehe nicht batteln, um Blümchen zu pflücken und Leute zu umarmen»

Varisa Steiner ist die diesjährige Schweizer Meisterin im Breakdance. Wir haben die 22-Jährige in ihrer Heimat Thun getroffen, bevor sie zum Weltfinal nach Tokio reist.

Schwarzer Lidstrich, weite Hosen, dicke Silberringe an Fingern und Ohren: Varisa Steiner lächelt für keines der Fotos, stattdessen verschränkt sie ihre Arme oder macht Handzeichen, die vermutlich nur Mitglieder aus der Szene entziffern können. Die 22-jährige Breakdancerin präsentiert sich genauso «hässig» wie auf der Bühne. «Ich gehe nicht batteln, um Blümchen zu pflücken und Leute zu umarmen», sagt die gebürtige Thunerin im Gespräch.

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